Co-Existenz statt Big-Bang: Phasenweise Migration von Microsoft 365
Eine Migration weg von Microsoft 365 gelingt am zuverlässigsten in Phasen: erst die Identitäts-Grundlage, dann eine Pilotabteilung, dann Komponente für Komponente. Diese Anleitung führt in acht Schritten von der Vorentscheidung bis zur Abschaltung des Alt-Systems – jeweils mit prüfbarem Zwischenresultat.
Von Nicolas GrossmanDigitale Systeme, Souveränität & Strategie
Veröffentlicht am

Auf dieser Seite · 4 Min. Lesezeit
Voraussetzungen und Startpunkt
Womit die Migration beginnt, hängt vom Unternehmen ab. Die Tabelle zeigt, welcher Startpunkt zu welcher Ausgangslage passt.
Womit starten?
| Ausgangslage | Empfohlener Startpunkt |
|---|---|
| Höchster Compliance-/NIS2-Druck bei einer bestimmten Datenkategorie | Mit der Komponente beginnen, die diese Daten hält (z. B. Cloud-Speicher für sensible Dokumente) |
| Keine eigene IT-Kapazität für Selbstbetrieb | Partnerbetrieb/SaaS-Variante wählen, nicht Self-Hosting auf eigener Kubernetes-Infrastruktur |
| Geringes Risiko, viele Testfreiwillige vorhanden | Mit einer nicht-kritischen Abteilung als Pilotgruppe beginnen, unabhängig von der Komponente |
Das wird für den Einstieg benötigt
- Übersicht der aktuell genutzten M365-Dienste pro Abteilung (Mail, Dateiablage, Chat, Video)
- Entscheidung für eine Zielarchitektur: vollständiges openDesk oder Einzelkomponenten (z. B. nur Nextcloud)
- Eine IT-Person oder ein Partner mit Kubernetes-/Identity-Management-Erfahrung (bei Self-Hosting zwingend)
- Zeitrahmen: mehrere Monate für eine vollständige Umstellung.
Risiko vorab einordnen
Die Migration bedeutet einen Zeitraum im Doppelbetrieb, mit doppelten Lizenzkosten und zusätzlichem Administrationsaufwand. Beides gehört in die Zeitplanung.
Die acht Schritte im Überblick
- 01 Identitäts-Grundlage schaffen (Föderation statt Komplett-Wechsel)
- 02 Pilotbereich und erste Komponente festlegen
- 03 Komponente parallel aufbauen und testen
- 04 Daten für den Pilotbereich migrieren
- 05 Nutzerakzeptanz und Stabilität prüfen
- 06 Schrittweise auf weitere Komponenten/Abteilungen ausrollen
- 07 Laufenden Betrieb etablieren
- 08 Alt-System für migrierte Bereiche abschalten
Die 8 Schritte
- 01
Identitäts-Grundlage schaffen
Keycloak (bzw. bei openDesk: Univention Nubus, das auf Keycloak basiert) als Identity Provider einrichten und per SAML/OIDC mit Entra ID föderieren, sodass Microsoft 365 währenddessen weiter funktioniert. Ort: Keycloak Admin Console (Identity Providers → SAML v2.0) und Entra ID Enterprise Applications.
Achtung: Die Föderation verlagert die Kontrolle über Authentifizierung, Credential-Speicher und Sitzungsverwaltung zu Keycloak. Entra ID verarbeitet weiterhin Authentifizierungs-Anfragen und stellt M365-Tokens aus, solange M365 im Einsatz bleibt. Wer keine US-Infrastruktur im Identitätsfluss zulassen darf, ist damit noch nicht am Ziel.
Prüfen:Testnutzer kann sich über Keycloak anmelden und weiterhin auf M365 zugreifen.
- 02
Pilotbereich und erste Komponente festlegen
Anhand der Entscheidungstabelle oben eine Abteilung und eine Komponente auswählen (Beispiel im weiteren Verlauf: Cloud-Speicher/Nextcloud für eine nicht-kritische Abteilung).
Prüfen:Schriftliche Festlegung von Pilotabteilung, Startkomponente und Erfolgskriterien für Schritt 5.
- 03
Komponente parallel aufbauen
Zielkomponente (z. B. Nextcloud) auf gewählter Infrastruktur (Self-Hosting, Partnerbetrieb oder SaaS) einrichten, ohne den bestehenden M365-Zugriff der Pilotabteilung zu deaktivieren.
Prüfen:Pilotabteilung kann parallel auf beide Systeme zugreifen, ohne dass eines davon abgeschaltet wurde.
- 04
Daten migrieren
Für die Dateimigration (SharePoint/OneDrive → Nextcloud) dienen die Nextcloud-Dokumentation und die openDesk-Migrationshinweise als Grundlage. Migration zunächst nur für die Pilotabteilung durchführen, nicht unternehmensweit.
Prüfen:Alle Dateien der Pilotabteilung sind im neuen System vorhanden, Stichprobenprüfung auf Vollständigkeit durchgeführt.
- 05
Nutzerakzeptanz und Stabilität prüfen
Wir empfehlen 2–4 Wochen Beobachtungszeitraum mit der Pilotabteilung, Feedback zu Bedienkomfort und fehlenden Funktionen einholen.
Prüfen:Dokumentierte Entscheidung: Ausrollen fortsetzen, Anpassungen vornehmen oder Ansatz überdenken.
- 06
Schrittweise ausrollen
Nach erfolgreicher Pilotphase: nächste Komponente (z. B. E-Mail über Open-Xchange) oder nächste Abteilung nach demselben Muster (Schritt 3–5) hinzunehmen. Priorisierung nach Risiko: unkritische Anwendungen zuerst. Wie ein E-Mail-Umzug im Einzelnen abläuft, zeigt die Anleitung E-Mail von Microsoft 365 zu Mailcow migrieren am Beispiel von Mailcow.
Prüfen:Rollout-Plan mit Reihenfolge und Zeitrahmen für die verbleibenden Komponenten/Abteilungen.
- 07
Laufenden Betrieb etablieren
Verantwortlichkeit für Patch-Management festlegen (eigene IT oder vertraglich beim Partnerbetreiber), Update-Monitoring einrichten.
Achtung: Ein aus mehreren Open-Source-Komponenten zusammengesetzter Stack braucht einen eigenen Patch-Prozess. Sicherheitsupdates erscheinen unabhängig vom Feature-Rhythmus, teils mehrfach im Monat (siehe die openDesk-Release-Hinweise). Ohne einen eingespielten Prozess sammeln sich offene Sicherheitslücken an.
Prüfen:Dokumentierter Prozess mit benannter Verantwortlichkeit für Sicherheitsupdates.
- 08
Alt-System abschalten (für migrierte Bereiche)
Erst nach bestätigter Stabilität (Schritt 5 wiederholt für jede neue Komponente/Abteilung) den M365-Zugriff für die betroffenen Nutzer deaktivieren – nicht vorher, um Datenverlustrisiko zu vermeiden.
Prüfen:M365-Lizenzen für migrierte Nutzer sind gekündigt oder auf Minimal-Plan reduziert, Doppelkosten entfallen für diesen Bereich.
Fehlerbehebung
Wann ist die Migration abgeschlossen?
Die Migration eines Bereichs gilt als abgeschlossen, wenn:
- alle Daten vollständig übertragen sind,
- die Pilot-/Nutzergruppe seit mindestens 4 Wochen stabil im neuen System arbeitet,
- der Patch-Management-Prozess dokumentiert und einer Person/Stelle zugeordnet ist,
- die alten Lizenzen für diesen Bereich gekündigt sind.
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